Mallorca hat 554 Kilometer Küste und je nach Zählung zwischen 200 und 300 namentlich erfasste Buchten. Die berühmten — Cala Mondragó, Es Trenc, Caló des Moro — kennt jeder. Was viel weniger Leute wissen: die schönsten Stellen der Küste sind oft die, zu denen kein Weg führt. Steile Felswände, keine Straße, kein Parkplatz, kein Restaurant.
Wer diese Stellen sehen will, muss aufs Wasser. Hier sind sechs Buchten, die ich besonders mag, alle nur vom Boot aus erreichbar oder zumindest nur vom Boot aus angenehm zu erleben.
1. Cala Varques (Südosten, bei Manacor)
Das Besondere: Halbinselförmig in den Felsen geschnitten, mit einem winzigen Sandstrand, der nur über eine 20-minütige Wanderung über privates Land erreichbar ist (manchmal versperren Eigentümer den Weg). Vom Boot aus: kein Problem. Türkises Wasser, Pinienschatten an den Hängen, fast keine Konkurrenz.
Wann hin: Mai bis Juni, dann wieder September. Im Hochsommer kommen jetzt doch einige Boote — aber nichts gegen die Stränge an Land.
Was du machst: Schwimmen, schnorcheln (sehr klares Wasser), an Bord essen.
Vorsicht: wenn der Wind aus Süd kommt, ist die Bucht ungeschützt. An windigen Tagen lieber andere Bucht ansteuern.
2. Cala Magraner (Südosten, neben Cala Varques)
Das Besondere: Noch kleiner als die Nachbarin, und noch unbekannter. Felsen rechts und links, ein Streifen Sand in der Mitte. Über Land praktisch unmöglich zu erreichen — du musst durch dornige Macchia laufen, ohne Weg.
Wann hin: gleiche Saison wie Cala Varques. An ruhigen Tagen.
Was du machst: anlegen, schwimmen, einen kleinen Felsen gegenüber dem Strand erkunden — der hat eine Höhle unter Wasser, durch die du tauchen kannst (nur erfahrene Schwimmer).
3. Sa Foradada (Westküste, bei Deià)
Das Besondere: Eine Felsformation mit einem natürlichen Loch — daher der Name Foradada, „die Durchlöcherte”. Kein Strand, sondern ein kleines Felsplateau, an dem du anlegen kannst. Direkt darüber das Anwesen Son Marroig (siehe Beitrag über Valldemossa).
Wann hin: April bis Oktober. Die Westküste ist im Sommer länger sonnig (Sonnenuntergang erst ab 21 Uhr).
Was du machst: Schwimmen, klettern auf das kleine Plateau, das berühmte Restaurant „Sa Foradada” oben (zu Fuß über einen steilen Pfad erreichbar) für ein spätes Mittagessen — Paella am Wasser, Reservierung nötig.
Höhepunkt: der Blick auf die Foradada-Felsen bei Sonnenuntergang. Wenn dein Bootsanbieter eine „Sunset-Tour” anbietet, ist das fast immer das Ziel — und mit Recht.
4. Cala Pi (Süden, bei Llucmajor)
Das Besondere: Eine schmale, fjordartige Bucht, die sich tief in die Felsen zieht. Vom Boot aus fährst du zwischen 30 Meter hohen Steilwänden hinein, das Wasser wird immer flacher, am Ende ein kleiner Sandstrand.
Über Land: auch erreichbar, mit Treppe von oben — aber stundenlanger Stau am Parkplatz, sehr voll im Sommer.
Wann hin: Frühling und Frühherbst, wenn Land-Besucher noch gering sind.
Was du machst: in die Bucht hineinfahren, an einer Boje liegen, schwimmen.
5. Sa Calobra / Torrent de Pareis (Nordküste)
Das Besondere: ich habe darüber schon einen ganzen Beitrag geschrieben. Kurz: vom Boot aus die einzig vernünftige Anreise. Du landest am kleinen Hafen, gehst durch zwei Tunnel zum Strand und in die Schlucht.
Wann hin: Mai, Juni, September, Oktober.
Was du machst: in die Schlucht hineinklettern, schwimmen, Mittagessen im Restaurant Sa Mola.
6. Cala Llombards (Süden, bei Santanyí)
Das Besondere: Eigentlich gar nicht so unbekannt — aber vom Boot aus erlebst du eine andere Bucht als von Land. Du fährst in das große Becken zwischen den zwei Felsspornen, wirfst Anker, und siehst die Bucht aus der Perspektive, aus der die Mallorquiner sie früher sahen, bevor die Straßen kamen.
Wann hin: ähnlich wie überall — Vor- und Nachsaison.
Was du machst: schwimmen (das Wasser hier hat eine besondere Türkis-Färbung wegen der Sandablagerungen am Boden), schnorcheln, Mittagspause an Bord.
Wie du an eine Bootstour kommst
Es gibt drei Hauptmodelle:
Eigenes Boot mieten — wenn du erfahren bist und einen Bootsführerschein hast. Vermieter findest du in jedem Hafen (Palma, Port d’Andratx, Port de Sóller, Cala d’Or), Preise ab 200 Euro pro Tag für ein kleines Motorboot bis 8 PS (das oft ohne Führerschein gefahren werden darf, je nach Modell).
Boot mit Skipper — wenn du selbst nicht fahren willst oder kannst. Halbtagestouren ab 600 Euro für ein Boot bis 8 Personen. Wer sich das teilt, zahlt am Ende ähnlich wie bei einer Gruppentour.
Geführte Gruppentour — die einfachste und günstigste Variante. Mehrere Anbieter starten täglich aus Palma, Port d’Andratx und anderen Häfen. Halbtagestouren um 50-80 Euro pro Person, Tagestouren um 80-120 Euro inklusive Essen und Getränke. Verschiedene Routen — manche fokussieren sich auf die Westküste mit Sa Foradada, andere auf die Süd-Buchten, andere auf die Nordbuchten.
Was eine gute Tour ausmacht
Aus meiner Erfahrung sind die drei wichtigsten Faktoren:
- Maximale Gruppengröße — alles über 30 Personen ist eher ein Massentransport als eine Tour. Ich nehme persönlich nur Touren mit 8-15 Leuten.
- Ausreichend Stopps — eine 5-Stunden-Tour mit nur einem Schwimmstopp ist Zeitverschwendung. Drei Stopps ist Minimum.
- Skipper, der was erzählt — ein guter Skipper kennt die Buchten, weiß, wann der Wind dreht, und erzählt auch was zu Geschichte und Geologie. Das macht den Unterschied zwischen Bootstaxi und echtem Erlebnis.
Wer aus Palma startet, hat die meiste Auswahl an Anbietern. Ich kenne mehrere, die ich empfehlen kann — je nachdem, was du suchst. Wer eine Tour mit kleiner Gruppe und persönlicher Betreuung sucht, ist bei den lokalen Anbietern besser aufgehoben als bei den großen Veranstaltern, die Tickets über Hotels und Buchungsplattformen vertreiben.
Was du nicht erwarten solltest
Ich werde oft gefragt, ob man auf einer Bootstour „die ganze Insel” sehen kann. Die ehrliche Antwort: nein. Eine Tour deckt typischerweise eine Region ab — die Westküste, die Südküste, die Bucht von Pollença im Norden. Wer alles sehen will, muss mehrere Touren machen oder mehrere Tage planen.
Eine Tour pro Tag ist auch das Maximum, was Sinn macht. Schwimmen, Sonne, Salzwasser, Wind — das macht müde. Ich war einmal naiv und habe versucht, an einem Tag eine Vormittagstour und eine Nachmittags-Tour zu kombinieren. Am Ende des Tages war ich so erledigt, dass ich von der zweiten Tour nichts mehr mitbekommen habe.
Wer diesen Frühling oder Sommer auf Mallorca ist und das Meer noch nicht von der „anderen Seite” gesehen hat, sollte sich einen Tag dafür reservieren. Die Insel verändert ihren Charakter, sobald du die Küste verlässt. Was vorher als Steilküste, Klippe oder Hafen erschien, wird zur Felshöhle, zum versteckten Strand, zum Punkt mit Aussicht — von dem du sonst nichts wusstest.