Bootstouren

Sa Calobra, anders anreisen — drei Wege zu einer schwierigen Bucht

Über die Serpentinenstraße fahren ist ein Erlebnis. Aber es ist nicht der einzige — und nicht der schönste — Weg in eine der spektakulärsten Buchten der Insel.

Steilküste mit türkisem Wasser und schmalem Strand zwischen hohen Felswänden
Foto: Asad Photo Maldives / Pexels

Sa Calobra ist eine kleine Bucht in der Serra de Tramuntana, eingerahmt von senkrechten Felswänden, mit einem schmalen Strand und der Mündung des Torrent de Pareis — einer der spektakulärsten Schluchten Europas. Im Sommer kommen täglich tausend bis dreitausend Menschen hierher. Die meisten über die berüchtigte Carretera de Sa Calobra, eine zwölf Kilometer lange Serpentinenstraße mit einer 360-Grad-Kehre („Nudo de Corbata”, Krawattenknoten), die jeder Reiseführer als „Highlight” verkauft.

Sie ist tatsächlich beeindruckend. Sie ist auch — wenn du nicht aufpasst — der schlechteste Weg, dort hinzukommen.

Warum die Straße ein Problem ist

Die Carretera Ma-2141 wurde 1932 vom Ingenieur Antonio Parietti gebaut, dem gleichen Mann, der auch die Straße zum Cap de Formentor entwarf. Parietti hatte einen Hang zum Dramatischen — die 360-Grad-Kehre ist nicht aus Notwendigkeit entstanden, sondern weil er den Höhenunterschied “elegant überwinden” wollte. Das Ergebnis: zwölf Kilometer reine Serpentinen, durchschnittlich sieben Meter breit, mit Kehren, in denen sich Bus und Mietwagen kaum begegnen können.

Im Juli und August funktioniert die Straße praktisch nicht mehr. Reisebusse blockieren den Verkehr, weil sie an den engen Kehren in mehreren Zügen wenden müssen. Mietwagen-Fahrer trauen sich nicht, halten auf der Strecke an, machen Fotos. Eine Strecke, die nominal 30 Minuten dauert, kann zwei Stunden brauchen. Auf dem Rückweg gerne länger.

Hinzu kommt: am Ende der Straße ist der Parkplatz oft voll. Du fährst zwei Stunden runter, kommst an, kein Platz. Drittes Problem: vom Parkplatz musst du noch 700 Meter durch zwei Felsentunnel zur Bucht laufen — eng, dunkel, im Sommer voll.

Wenn du es trotzdem mit dem Auto machen willst: vor sieben Uhr losfahren oder nach sechs Uhr abends. Anders funktioniert es nicht.

Alternative 1: Mit dem Boot

Die — meiner Meinung nach — beste Variante. Mehrere Anbieter fahren von Port de Sóller aus täglich nach Sa Calobra und zurück. Die Überfahrt dauert etwa 50 Minuten, du fährst entlang der spektakulären Steilküste der Tramuntana, vorbei an Cala Tuent und an Felsformationen, die du von der Straße aus nie sehen würdest.

In Sa Calobra hast du dann je nach Anbieter zwischen drei und fünf Stunden Aufenthalt — genug für den Strand, einen Spaziergang in den Torrent de Pareis (mehr dazu gleich), und ein Mittagessen.

Anbieter: Barcos Azules ist der größte und älteste, fährt mehrmals täglich, Tickets ab 30 Euro hin und zurück. Buchung am Hafenkiosk oder online. Im Hochsommer früh reservieren.

Vorteil: keine Stresssfahrt, keine Parkplatzsuche, du siehst die Küste, die du sonst nie zu Gesicht bekommst.

Nachteil: du bist an die Abfahrtszeiten gebunden. Wenn das Wetter umschlägt, fahren die Boote nicht (was im Hochsommer aber selten passiert).

Alternative 2: Wandern durch den Torrent de Pareis

Das ist die Variante für Erfahrene und nichts für jeden Tag. Der Torrent de Pareis ist eine vier Kilometer lange Schlucht, die von Escorca runter nach Sa Calobra führt. Stellenweise sind die Felswände 200 Meter hoch und nur wenige Meter breit. Du kletterst, springst von Stein zu Stein, manchmal musst du durch Wasserbecken schwimmen (oder waten), je nach Jahreszeit.

Schwierigkeit: mittel bis schwer, je nach Wasserstand. Trittsicherheit zwingend, Schwindelfreiheit hilft. Keine Markierung — du folgst dem Bachbett.

Dauer: vier bis sechs Stunden für die vier Kilometer. Das ist kein Schreibfehler.

Wann: nur von Mitte April bis Mitte Oktober. Davor und danach kann der Bach nach Regen lebensgefährlich werden — Sturzfluten haben hier schon Menschen das Leben gekostet. Niemals bei Regenvorhersage starten.

Logistik: der Einstieg ist beim Restaurant Escorca an der Ma-10. Da musst du dein Auto stehen lassen oder dich absetzen lassen. Am Ende stehst du in Sa Calobra. Von dort musst du dann mit dem Boot nach Port de Sóller zurück (siehe oben) und dann irgendwie zurück zum Auto. Klingt kompliziert, ist es auch — aber es ist eine der eindrucksvollsten Wanderungen Europas.

Wer sich nicht traut Du musst nicht die ganze Schlucht machen. Vom Strand von Sa Calobra aus kannst du auch den letzten Kilometer der Schlucht nach oben gehen, ungefähr eine Stunde, und dann umkehren. Das gibt dir einen Eindruck der Felswände, ohne das volle Risiko.

Alternative 3: Die “stille” Anfahrt mit dem Auto

Wenn du unbedingt mit dem Auto willst, aber den Stress vermeiden möchtest: fahr nach Cala Tuent statt nach Sa Calobra.

Cala Tuent ist die Nachbarbucht, drei Kilometer westlich, ebenfalls über die Ma-2141 erreichbar — aber bevor du nach Sa Calobra abbiegst, gibt es eine Abzweigung nach links Richtung Cala Tuent. Diese Bucht ist deutlich weniger besucht (es gibt fast keine Anbindung mit dem Bus oder Boot), hat einen Kieselstrand mit Pinien-Schatten, und ein einziges, sehr gutes Restaurant — Es Vergeret, oben auf der Klippe, mit Aussicht auf die Bucht.

Von Cala Tuent kannst du dann zu Fuß nach Sa Calobra wandern. Die alte Pferdekarrenstraße führt in 90 Minuten über den Bergrücken hinüber. Schöner Weg, kaum jemand nutzt ihn. Festes Schuhwerk, Wasser, Sonnenschutz.

Vorteil dieser Variante: du fährst die berühmte Serpentinenstraße trotzdem, aber du parkst in Ruhe in Cala Tuent (kostenlos, immer Plätze frei), und kannst beide Buchten kombinieren.

Was du in Sa Calobra wirklich machen solltest

Wenn du es einmal in der Bucht bist:

  1. Geh nicht direkt an den Strand. Geh durch den ersten Tunnel, dann durch den zweiten Tunnel, und dann nach links — nicht zum Strand, sondern in die Schlucht hinein, dem Bachbett folgend. Nach 15 Minuten Klettern bist du in einem natürlichen Amphitheater aus 100 Meter hohen Felswänden, völlig allein. Das ist der eigentliche Höhepunkt.

  2. Schwimme im Torrent. Wo der Torrent ins Meer mündet, gibt es ein Süßwasserbecken. Das Wasser ist eiskalt (auch im August), aber unvergesslich.

  3. Iss nicht in den großen Restaurants am Hafen. Die sind auf Reisebusse ausgelegt. Stattdessen: Restaurant Sa Mola am Felsen oberhalb des Hafens, kleinere Karte, frischer Fisch.

Wann du auf keinen Fall hinkommen solltest

  1. Juli bis 25. August. Sonntage. Feiertage. An diesen Tagen ist die Bucht im Wortsinn überlaufen — bis zu fünftausend Tagesbesucher. Das Wasser ist trüb, die Stimmung gestresst, der Reiz der Wildheit komplett verloren.

Bessere Wochen: Mitte Mai bis Mitte Juni, dann wieder Mitte September bis Anfang Oktober. Das Wasser hat über 20 Grad, die Sonne ist stark, aber die Massen sind weg.


Sa Calobra wird oft als „Top-3-Sehenswürdigkeit” Mallorcas verkauft. Das stimmt, aber nur, wenn du sie unter den richtigen Bedingungen siehst — am frühen Morgen, mit dem Boot, abseits der Hauptsaison, oder zu Fuß durch die Schlucht. In allen anderen Fällen ist es ein gestresster Tag in einem schönen Naturgebiet, das den Reiseführern nicht mehr gerecht wird, die es beschreiben.

Wenn du eine Bootstour über Sa Calobra hinaus planen willst — von Palma aus laufen mehrere Touren entlang der Westküste, einige mit Schwimm-Stopps in einsameren Buchten als die berühmten. Lohnt sich, wenn du die Insel vom Wasser aus erleben möchtest, ohne in die typischen Massentouristen-Angebote zu geraten.

Fabian Holst
Reisejournalist

Lebt seit 2020 auf Mallorca. Schreibt über die Insel, die Touristen nie sehen.